Gelenkmaus - Knorpelveränderungen in Gelenken

Die „freie Gelenkmaus“ im Kniegelenk

Sprechstunde zum Thema: „Knorpelveränderungen in Gelenken“

S.D. (38) aus Düsseldorf fragt:
Mein Sohn Henry, 11 Jahre alt, ist wegen einer Knieerkrankung für 6 Monate vom Sport befreit worden und soll Stauchbelastungen des Gelenkes (z.B. Springen) absolut vermeiden. Der Sportarzt hat nach einer Röntgenuntersuchung des Kniegelenkes von einer O.D. gesprochen. Alles brauche Zeit zur Heilung. Bei blitzartig einschießenden Schmerzen mit Gelenk¬¬¬sperren soll Henry sofort wieder-kommen. Wie können wir das verstehen und was können wir zusätzlich tun?

Der Begriff O.D. bezeichnet eine Krankheit, die medizinisch „Osteochondrosis Dissecans“ genannt wird. Hierbei handelt es sich um eine umschriebene Erweichung an der Gelenkoberfläche mit Abgrenzung eines Knorpelknochenteilchens. Sie tritt häufig im Wachstums- und jungen Erwachsenenalter auf, wobei das Kniegelenk in ca. 85% der Fälle betroffen ist und dieses oft doppelseitig. Im Verlauf der Erkrankung kann es lokal zu einem knorpelnahen, ungefähr kirschkerngroßen Knochen¬sterben kommen, wobei sich ein über dem betroffenen Knochenbezirk befindliches Knorpelstück aus seinem Verbund lösen kann. Dieses ist der freie Gelenkkörper, den man als „Gelenkmaus“ oder als Dissekat bezeichnet. Es können auch andere größere Gelenke, wie das Ellenbogengelenk, das Sprungbein oder der Hüftkopf betroffen sein.

Auffällig ist, dass die Erkrankung anfangs nur geringfügige Gelenkbeschwer¬den bereitet. Später kann es zur Einklemmung oder zu einer Gelenkergussbildung mit blitzartigen Schmerzen kommen. Von unterschiedlichen, in der Vergangenheit kontrovers diskutierten Entstehungstheorien scheinen mechanische Faktoren wie wieder¬kehrende Impulsbelastun¬gen die wahrscheinlichste Ursache darzustellen. Daher sind auch aktive und hoch¬aktive Kinder und Jugendliche oft betroffen. Manchmal können auch Meniskusveränderungen oder Rheuma eine Rolle spielen. Die Erkrankung entsteht auf dem Boden einer knöchernen Durchblutungsstörung unterhalb des Knorpels. Dadurch kommt es zu einem schleichenden Absterben dieser Zone, danach zu einer bindege¬webigen Umwandlung gegenüber dem vitalen Knochen. Als Folge einer fortlaufenden Beanspruchung kann es dann zu einer Lockerung des toten Knochenareals nach Riss der elastischen Knorpeldecke kommen. Dieses Stadium gibt der Erkran¬kung den Namen, weil früher vor möglichen Röntgen- und Kernspinuntersuchun¬gen die Krank¬heit erst mit Ablösung der „Maus“ und den dadurch ausgelösten Blockierungen erkannt wurde. Die unklaren belastungsabhän¬gigen Schmerzen können gerade bei Kindern fehlinterpretiert werden. Eine Bildgebung sichert heute die Diagnose.

Die wesentlichen Kriterien einer Therapieempfehlung richten sich nach Alter, Stadium, Herdgröße und Beschwerden. Je jünger der Erkrankte, desto besser ist die Prognose. Spontanheilungen sind bei Jungen bis zum 14. Lj., bei Mädchen bis zum 13. Lj. beschrieben. Im Durchschnitt heilen 60% der O.D.-Fälle am Kniegelenk ohne operative Maßnahmen aus. Die Heilung dauert jedoch immer Monate bis Jahre, weil der Knochenumbau (Remodelling) lange Zeit in Anspruch nimmt. Für die milden Formen der Erkrankung gilt: Schonung und absolutes Sprungverbot, damit auch Minderbe¬lastung des Gelenkes für 6-10 Wochen. Röntgenkontrollen bzw. ein MRT sollten alle 3-6 Monate erfolgen.

Bei fortgeschrittener Erkrankung und intakter Gelenkfläche erfolgt minimalinvasiv eine Spiegelung mit Anfrischung des Krankheitsbezirkes durch Anbohren oder Plastik. Durch die Bohrlöcher können Gefäße und Stammzellen in den abgestorbenen Knochenbereich eindringen und eine Selbstheilung auslösen. Bei Knorpelabgrenzung versucht man ein Anheften der „Maus“ mit drei resorbierbaren Stiften, eventuell unterstützend mit Fibrinkleber. Alternativ gibt es bei größeren Fragmenten die Option der Verschraubung des Knorpelknochenstückes. Bei Knorpeldefekten oder bei zerstörtem oder avitalem „Mausbett“ kann die plastische Knorpel¬trans¬plantation eine Therapie der Wahl sein. Ebenso kann versucht werden, mit einer Stoßwellentherapie das Dissekat wieder zur Einheilung zu bringen, sofern es sich noch nicht als „Gelenkmaus“ abgespalten hat.

Das Ziel der Behandlung ist eine vollständige Wiederherstellung der Struktur und Funktion des betroffenen Gelenkes. Am besten ist die Prognose, wenn durch eine Wiederbelebung des Knochenbezirkes das Lösen des Knorpelstückes („Maus“) verhindert werden kann. Die Verfahren mit Wiederanheften oder Einbringung eines Ersatzgewebes haben eine schlechtere Prognose, da das Kniegelenk langfristig sehr sensibel auf die kleinsten Unregelmäßigkeiten der knorpeligen Oberflächenstruktur reagiert. Dieses bedeutet die Gefahr des Entstehens einer vorzeitigen Arthrose.

Mit der sicher gestellten Diagnose und entsprechender konsequenter Nachbehand-lung hat eine O.D. jedoch meist sehr gute bis gute Endergebnisse.

Go To Top